4. Oktober 2026
Griechenland: Von Palasttafeln zur Parfümwerkstatt, die Archäologen für ein Gasthaus hielten
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In Larsa war Duft ein Posten im Inventar, in Ägypten Theologie. In Griechenland wurde daraus etwas Drittes: eine Ware, die man auf dem Heimweg vom Markt kauft. In rund tausend Jahren gelangte das Duftöl aus den mykenischen Palästen, wo Beamte es auf Tontafeln so sorgfältig verzeichneten wie Getreide, in die Läden rund um die Athener Agora, in denen Bürger beim Parfümhändler saßen, wie wir heute im Café sitzen — und schließlich auf die Insel Delos, wo daraus fast eine Industrie wurde, mit eigenen Pressen, Öfen und Händlern aus dem halben Mittelmeerraum. In diesem Teil gehen wir diesen Weg ab: von den Palastwerkstätten über die einzige erhaltene griechische Abhandlung über Düfte bis zu den Grabungen der 1990er Jahre, die erstmals zeigten, wie eine solche Werkstatt wirklich aussah. Dabei stoßen wir auf ein Paradox: Die Griechen schrieben über die Parfümerie, handelten eifrig mit ihr und dufteten auf Schritt und Tritt — und doch wurde die Werkstatt, die wir heute verlässlich erkennen können, erst auf Delos gefunden, und die Archäologen hielten sie zunächst für ein Gasthaus.
Der Weg beginnt jedoch nicht in Athen. Mehrere Hundert Linear-B-Tafeln aus Knossos auf Kreta verzeichnen Öllieferungen, die Parfümeure verarbeiten sollten; die Texte bezeichnen sie als a-re-pa-zo-o oder ku-pi-ri-jo, wörtlich „der Zyprer"; auch Tafeln aus Mykene, Theben und Pylos erwähnen Parfümeure. Die ausführlichsten Aufzeichnungen stammen aus Pylos, einem Palast im Südwesten der Peloponnes, der gegen Ende des 13. Jahrhunderts v. Chr. durch einen Brand zerstört wurde; die Werkstätten der Parfümeure lagen wahrscheinlich unmittelbar vor dem Osteingang des Palasts, wo Archäologen Kessel, Schalen und Gefäße fanden. Die Tafeln aus Knossos, Hagia Triada und Mykene belegen Sesam-, Färberdistel- und vor allem Olivenöl. Das Öl wurde mit zusammenziehenden Zusätzen (Koriander, Zypergras, Wacholder) behandelt und dann mit Blütenblättern erhitzt, meist mit Rosen, oder mit Wurzelstöcken, etwa der Iris. So entstand der Vorläufer heutiger Parfümöle auf Ölbasis — nur ohne synthetische Bestandteile und ohne den destillierten Alkohol, den man damals noch nicht herzustellen verstand.
Eine Abhandlung, die ihresgleichen nicht hatte
Was wir heute über die griechische Duftlehre wissen, stammt zu einem großen Teil aus einem einzigen Text: Theophrasts Über die Gerüche (Peri osmōn), verfasst gegen Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. Theophrast — Aristoteles' Nachfolger am Lykeion, der etwa 371–287 v. Chr. lebte — behandelt in den Paragraphen 14 bis 16 die verschiedenen Öle, die als Duftträger dienten. Am wertvollsten war nach ihm das Balanosöl, gepresst aus den Früchten von Sträuchern, die in der syrischen und ägyptischen Wüste wachsen — am wenigsten zähflüssig und am „aufnahmefähigsten" für Duft. Am gebräuchlichsten war jedoch gewöhnliches Olivenöl, und zwar aus unreifen grünen Oliven (omphakion). Bevor das Öl einen Duft aufnehmen konnte, musste ihm etwas Zusammenziehendes zugesetzt werden — Aloe, Ginster oder Zypergras —, und dann wurde es mit Blütenblättern erhitzt, damit deren Duftstoffe ins Öl übergingen. Das Rezept für Rosenparfüm lautet in Arthur Horts englischer Übersetzung: Man gibt „ginger-grass, aspalathos and sweet-flag" (Ingwergras, Aspalathos und Kalmus) hinzu, und die Mischung wird angesetzt wie beim Kypros. Dem Rosenparfüm wurde außerdem viel Salz zugesetzt. Brun deutet das als Schutz vor dem Ranzigwerden, wie ihn auch Dioskurides empfiehlt.
Der Text ist allerdings in schlechtem Zustand überliefert — die beiden Haupthandschriften, Vaticanus A und Parisiensis Q, erfordern eine philologische Rekonstruktion, die in der modernen kritischen Edition von Ulrich Eigler und Georg Wöhrle (1993) geleistet wurde. Und obwohl die Griechen seit der Zeit der mykenischen Paläste Duftöle verwendeten, gibt es aus archaischer oder klassischer Zeit praktisch keine unmittelbaren archäologischen Belege für eine Werkstatt. Erst die hellenistische Zeit — und ein ganz bestimmter Ort — schloss diese Lücke.
Ein Laden, in den man ging wie ins Café
Im klassischen Athen waren Parfümläden gesellschaftliche Treffpunkte — Demosthenes und Lysias beschreiben, wie Bürger dort zusammensaßen, ähnlich wie beim Barbier oder Schuster, vor allem in den Läden, die dem Marktplatz am nächsten lagen. Billig war das nicht: Nach Athenaios (15.691) kostete ein Viertelliter Parfüm zwischen fünf und zehn Minen — eine Summe, die mehr als 500 Tagen durchschnittlichen Arbeiterlohns entsprach. In den Wolken lässt Aristophanes den Bauern Strepsiades über seine Frau aus einer Stadtfamilie klagen: Er habe nach Weinhefe, getrockneten Feigen und Schafwolle gestunken, sie habe nach Parfüm und Safran geduftet, nach leidenschaftlichen Küssen und Verschwendung. Der Überfluss des Landmanns war also an Wein, Feigen und Wolle zu riechen, der Überfluss der Stadtfrau duftete nach teuren Parfüms — und die kosteten, wie wir oben gesehen haben, viel Geld.
Wie man an einen solchen Laden kommen konnte, zeigt ein Gerichtsprozess. In der Rede Gegen Aischines den Sokratiker, die Lysias zugeschrieben wird und in Fragmenten bei Athenaios überliefert ist, wird Aischines, ein Schüler des Sokrates, beschuldigt, sich bei der Gründung einer Parfümerie bei Gott und der Welt verschuldet und sich das Vermögen des Parfümeurs Hermaios verschafft zu haben, indem er dessen siebzigjährige Frau verführte. Sie habe Mann und Söhne in den Ruin getrieben, und Aischines sei vom Straßenhändler zum Parfümhändler „aufgestiegen". Das ist eine Anklagerede vor Gericht, keine unparteiische Quelle, aber sie zeigt, dass eine Parfümerie ein Geschäft war, um das zu kämpfen sich lohnte.
Delos: Das Gasthaus, das in Wirklichkeit eine Parfümerie war
Delos, die dem Apollon geweihte heilige Insel, erlebte ab 166 v. Chr. — als der römische Senat sie Athen unterstellte und ihr den Status eines Freihafens verlieh — einen stürmischen wirtschaftlichen Aufschwung. Sie zog eine kosmopolitische Mischung von Händlern an, vor allem Italiker und Orientalen, bis Mithridates sie 88 v. Chr. plünderte und die Piraten des Athenodoros sie 69 v. Chr. eroberten. Die Archäologen fanden auf der Insel überraschend viele Presssteine — mehr, als nach bisherigen Schätzungen zu der Fläche passte, die dort mit Olivenbäumen bepflanzt werden konnte. Der französische Archäologe Jean-Pierre Brun untersuchte gemeinsam mit seiner Kollegin Michèle Brunet im April und Mai 1997 die beiden am besten erhaltenen Pressanlagen der Stadt (die Ergebnisse erschienen im American Journal of Archaeology, 2000). Die erste, im Theaterviertel, erwies sich als gewöhnliche Olivenölmühle für Speiseöl: zwei Hebelpressen und ein Lager für etwa 4 000 Liter Öl. Die zweite, im Stadionviertel, sah anders aus: zwei senkrechte Keilpressen und vier in einer Reihe gebaute Öfen. Lange hielt man sie wegen dieser Öfen für ein Gasthaus. Brun kam jedoch zu dem Schluss, dass es sich eher um eine Parfümerie handelte: Die Keilpresse benutzen nach Heron von Alexandria aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. „Parfümeure für einige ihrer Zubereitungen", und die Öfen eigneten sich zum Erhitzen von Öl mit Duftstoffen.
Nach Brun handelt es sich um die Überreste einer großen Parfümerie und um einen greifbaren Beleg für den Ruhm, von dem Plinius der Ältere schreibt: „In alter Zeit kam das am höchsten gepriesene Parfüm von der Insel Delos" (Naturalis Historia 13.4), bevor ihn das ägyptische Mendes übernahm. Die Pressbetten aus Delos sind außerdem fast alle fein aus Marmor gearbeitet, und mindestens sechs von ihnen tragen hinter dem Ausguss ein Herz in flachem Relief, vom selben Handwerker gemeißelt. So sorgfältig bearbeitete Pressen findet man sonst nur auf Delos und im italischen Paestum. Brun sieht darin so etwas wie eine Firmenmarke, ähnlich dem späteren Apothekermörser oder der Druckerpresse. Die Anwesenheit orientalischer Händler auf Delos — Nabatäer, Sabäer, Samaritaner mit Verbindungen zur babylonischen jüdischen Gemeinde — hängt seiner Ansicht nach wahrscheinlich mit dem Handel mit Aromastoffen zusammen (Weihrauch, Myrrhe und orientalische Gewürze), bei dem sie als Mittelsmänner auftraten. Delos war also nicht nur ein Ort lokaler Produktion.
Aryballos, Lekythos, Alabastron
Der Duft wurde in Gefäßen aufbewahrt und verkauft, deren Form verrät, wofür sie dienten. Der Aryballos — ein kleines, kugeliges Fläschchen mit engem Hals — wurde von Sportlern an einem Riemen am Handgelenk getragen. Darin war Duftöl, mit dem man sich vor dem Training oder dem Ringkampf einrieb und das danach samt Schweiß und Staub mit einem Metallschaber von der Haut abgestrichen wurde. Nach Plinius verwendete man in den Gymnasien mit Majoran parfümiertes Öl (Naturalis Historia 15.29). Die Lekythos, archäologisch seit etwa 700 v. Chr. belegt und besonders im 5. Jahrhundert v. Chr. beliebt, diente für Duftöle sowohl im Alltag als auch im Totenkult — das Öl wurde dem Verstorbenen oder den Göttern der Unterwelt dargebracht. Das Alabastron, ein schlankes Gefäß, wurde ursprünglich aus Alabaster geschnitten, und Plinius rät, Parfüm darin im Schatten und in der Kühle aufzubewahren. Später wurde es in Keramik und Glas nachgeahmt. Auch die berühmten korinthischen Fläschchen waren aus Keramik: Korinth spezialisierte sich auf Duftöle in Fläschchen, die mit Tieren und Blumen verziert waren und im 7. und 6. Jahrhundert v. Chr. in Siedlungen und Gräbern im gesamten westlichen Mittelmeerraum gefunden wurden. Das macht sie zu einem der besten Belege für die Reichweite des griechischen Dufthandels schon in archaischer Zeit.
Was unsicher bleibt
Nicht alles, was über die griechische Parfümerie behauptet wird, hält stand. Die Fundstelle Pyrgos-Mavroraki auf Zypern, die gelegentlich als bronzezeitliche Werkstatt mit Destillationsanlage präsentiert wird, stützt sich allein auf die Behauptungen des eigenen Grabungsteams; ohne unabhängige, begutachtete Bestätigung kann sie nicht als verlässlicher Beleg gelten. Ähnliche Vorsicht ist bei Behauptungen über genaue Rezepte der klassischen Zeit geboten: Die Texte sind nach Brun „ungenau, besonders in Bezug auf Geräte, Verfahren und Mengen" — und eine frühere, begutachtete Studie zur chemischen Analyse korinthischer Gefäße (Biers, Gerhardt und Braniff, 1994) existiert zwar, doch ihre genauen Ergebnisse ließen sich nicht in vollem Umfang unabhängig überprüfen. Die griechische Parfümerie bleibt auch nach Bruns Grabungen ein Feld, in dem die Archäologie die Texte nur an einem einzigen Ort auf der Landkarte eingeholt hat.
Serie über die antike Parfümerie: Teil 0 — Tappūtī, die erste belegte Parfümeurin · Teil 1 — Mesopotamien: der Handel im alten Larsa · Teil 2 — Ägypten: Kyphi und die Expedition nach Punt
Quellen
- Jean-Pierre Brun, The Production of Perfumes in Antiquity: The Cases of Delos and Paestum, American Journal of Archaeology 104.2 (2000), 277–308 — Ausgrabungen der Presswerkstätten auf Delos und in Paestum, die umfassendste archäologische Studie zum Thema.
- Theophrast, Über die Gerüche (De odoribus), englische Übersetzung von Arthur Hort, Loeb Classical Library, 1926. Kritische Edition: Ulrich Eigler und Georg Wöhrle, Teubner, 1993.
- Theophrastus, Stanford Encyclopedia of Philosophy — Datierung und Biografie.
- Plinius der Ältere, Naturalis Historia, Buch 13 — über Duftöle und den Ruhm von Delos.
- Athenaios, Deipnosophistai, Buch 13 — Fragmente der Rede des Lysias gegen Aischines.
- Aristophanes, Die Wolken, englische Übersetzung von Ian Johnston — Strepsiades und seine Frau.
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