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12. Juli 2026

Vor Tappūtī: Das ganze Handelsnetz der Düfte im alten Larsa

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Mesopotamien — griechisch für „das Land zwischen den Flüssen" — liegt im fruchtbaren Streifen um Euphrat und Tigris, im Gebiet des heutigen Irak, etwa zwischen Bagdad und dem Persischen Golf; an das Mittelmeer und das Kaspische Meer grenzt es nur mittelbar, über das heutige Syrien beziehungsweise über das iranische Hochland. In dieser Region entstanden Städte wie Ur, Uruk und Babylon im Süden, Assur im Norden — und Larsa, die südmesopotamische Stadt, um die es in diesem Text geht. Die dortige Wirtschaft rechnete den Wert in Silber, gewogen in zwei Einheiten: dem Schekel (etwa 8 Gramm) und der Mine (60 Schekel, rund 500 Gramm). Aromastoffe und Öle selbst wurden dagegen mit dem Hohlmaß qa gemessen (etwa ein Liter) — und eben das Verhältnis von qa zu Schekel drückt im Folgenden den Preis aus. Zur Einordnung, was ein einzelner Schekel tatsächlich bedeutete: Einige Generationen später, um 1800 v. Chr., legten die Gesetze des nahen Eschnunna einen Referenzkurs von 1 gur (300 qa) Gerste pro Schekel Silber fest — ein Gegenwert, von dem man monatelang leben konnte. Der Schekel war kein Kleingeld, sondern eine ansehnliche Summe. Silber wurde dabei im südlichen Mesopotamien nirgends abgebaut — das Tiefland verfügt über keinerlei Edelmetallvorkommen, weshalb es importiert werden musste, vermutlich vor allem aus den anatolischen Minen im Taurusgebirge. Es diente als universeller Wertmaßstab, auch wenn ein gewöhnlicher Mensch wohl selten eines in der Hand hielt. Der Text spielt in Larsa unter der Ersten Babylonischen Dynastie (20.–18. Jahrhundert v. Chr.) — also einige Jahrhunderte, bevor Tappūtī weiter nördlich, in Assur, ihre Rezeptur niederschrieb.

Karte Südmesopotamiens unter der Herrschaft Hammurabis (1792–1750 v. Chr.) mit den eingezeichneten Städten Larsa, Ur, Uruk, Babylon, Eschnunna, Nippur, Lagasch, Sippar und Dilbat.
Larsa und die umliegenden Städte unter Hammurabi — etwa ein Jahrhundert später, als dieser Text spielt, aber in derselben Region und demselben politischen Gefüge. Karte: MapMaster (2008), Wikimedia Commons, CC BY-SA.

Tappūtī war nicht die Erste. Drei Jahrhunderte bevor sie in Assur ihre Rezeptur in den Ton drückte, funktionierte in Larsa bereits eine ganze Duftwirtschaft — mit Händlern, Lagerhäusern, Preisstufen und einer Verwaltung, die genau Buch darüber führte, wie viele Minen Arganum — ein aromatisches Harz, dessen genaue botanische Identität bis heute nicht geklärt ist — ankamen, wer sie entgegennahm und was weiter damit geschah. Der amerikanische Assyriologe Robert Middeke-Conlin rekonstruierte dieses Netzwerk aus Dutzenden Wirtschaftstafeln aus der Yale Babylonian Collection und dem Pariser Louvre und veröffentlichte sie 2014 unter dem Titel „The Scents of Larsa" im Cuneiform Digital Library Journal. Das Ergebnis liest sich nicht wie ein Mythos antiker Alchemie, sondern wie eine Buchhaltung — weil es genau das ist.

Drei Ebenen einer Werkstatt

Die Duftproduktion war hier in drei klar getrennte Rollen aufgeteilt. Händler (damgarum) beschafften die Rohstoffe — mitunter bis zu deren Ursprung. Beamte namens šatammu verwalteten die Lager und entschieden, was wohin ging. Und erst dann kamen die eigentlichen ì-ra-ra — wörtlich „die, die Öl reiben" — die Parfümeure, die aus den Rohstoffen das fertige Produkt herstellten. Es war Arbeitsteilung, kein Handwerk eines Einzelnen vom Rohstoffeinkauf bis zum fertigen Duftfläschchen.

Namen aus den Tafeln machen das System greifbar. Lipit-Irra begann als Leiter des Ölamts unter König Abī-sarē (regierte etwa 1905–1895 v. Chr.) und wurde bis zum fünften Regierungsjahr von dessen Nachfolger Sūmû-El zum Chef der Parfümwerkstatt befördert. Ittī-Sîn-milkī, ein aufsichtsführender Händler aus Zarbilum, lieferte Weihrauch und Öle für die königlichen Opfer. Watar-Šamaš ist als derjenige verzeichnet, der sechs Minen Arganum anlieferte, von denen die Beamten eine sofort der Ölproduktion zuteilten. Heute sind das nur Namen in einer Bestandsliste — damals aber waren es Menschen, die uns aufs Haar glichen: Sie zählten Bestände, trieben Lieferungen an, behielten Termine im Blick. Nur Kulisse und Kostüm waren andere.

Woher die Düfte kamen

Die teuersten Rohstoffe legten die weitesten Wege zurück. Myrrhe — šimšeš und die feinere šimsigsig, die sogenannte Mukku-Myrrhe — brachten Händler aus Südarabien und Indien über den Umschlagplatz auf der Insel Dilmun, dem heutigen Bahrain. Aus dem Westen, aus Syrien und Anatolien, kamen Zedern- und Zypressenholz, Wacholder und Buchsbaum nach Larsa. Äpfel und Feigen wuchsen im Land selbst. Susa — Hauptstadt des benachbarten elamischen Reichs im Vorland des heutigen südwestlichen Iran — und Eschnunna, eine Stadt am Fluss Diyala nordöstlich von Babylon, dienten als Handelsknotenpunkte, an denen die Ware weiterverkauft wurde. Erhalten ist ein Brief, in dem der Händler Šep-Sîn einen Einkauf in Susa mit einer Eskorte königlicher Soldaten koordiniert — die Ladung war wertvoll genug, dass sich der bewaffnete Schutz lohnte.

Zwei Verfahren, keine Destillation

Die Parfümeure in Larsa kannten zwei Techniken. Die Kaltmazeration — akkadisch rummukum — bestand darin, gemahlene Aromastoffe tagelang bei Raumtemperatur in Öl ziehen zu lassen. Sie erforderte wenig Geschick, war aber langsam und ergab einfachere Düfte mit flacherem Profil — ein Hauptrohstoff, wenig Schichtung. Beschrieben wird sie auch im Fluch über Akkade, einer sumerischen literarischen Komposition (einem Klagelied über den Untergang der Stadt Akkade, wahrscheinlich etwas später verfasst, aber auf ältere Gegebenheiten zurückgreifend), die bei der Schilderung der Tempelausstattung beiläufig genau dieses Verfahren erwähnt: Zeder, Zypresse, Wacholder und Buchsbaum, „weiß gemahlen zu duftendem Öl". Dass diese Technik sogar in einem Text auftaucht, der sich mit duftenden Ölen gar nicht befasst, zeigt, wie selbstverständlich die Herstellung von Duftöl zum Tempelbetrieb gehörte.

Die zweite Technik, wiederholtes Ziehenlassen in erhitztem Wasser oder Öl, verlangte mehr Geschick, ergab kleinere Mengen, dafür aber komplexere, vielschichtigere Düfte — genau dieses Verfahren bezeichnen die Texte mit dem unbestimmten Begriff šim, der nahelegt, dass es sich um etwas Anspruchsvolleres als bloßes Ziehenlassen handelte. Am äußersten Ende der Skala stand parfümiertes Wasser: vierzig Waschungen und ein Monat Ziehzeit, ein Verfahren so aufwendig, dass die Tafeln es als Ausnahme, nicht als Standard verzeichnen. Destillation — also das Trennen von Duftstoffen durch Verdampfen und Kondensieren — kam in Mesopotamien in dieser Zeit noch nicht zum Einsatz; darauf sollte die Welt noch Jahrhunderte warten.

Eine Preisskala für fast jeden Geldbeutel

Was Larsa interessant macht, ist nicht nur der Luxus an der Spitze, sondern die Preisspanne. Kurz zu den Zahlen: Je weniger qa man für einen Schekel Silber bekam, desto teurer war das Öl — wenig Volumen für viel Silber bedeutet einen hohen Literpreis. Einer erhaltenen Tafel zufolge gab es in Larsa mindestens drei Preisstufen. Am teuersten war fertiges, hochwertiges parfümiertes Öl (šim) zu 3 qa pro Schekel — wenig Menge für viel Silber. Eine Stufe darunter stand premium, unverarbeitetes Öl (ì-sag) — ein hochwertiger Rohstoff, aber noch kein fertiges Parfüm — zu etwa 5 qa pro Schekel. Und am unteren Ende der Skala verkauften sich gemischte Düfte niederer Qualität (šim ḫi-a) zu 60 qa pro Schekel — zwanzigmal mehr Öl für dasselbe Silber wie in der teuersten Kategorie. Middeke-Conlin schließt daraus, dass gemischte Parfüms „für die breite Bevölkerung wesentlich zugänglicher" waren als das genau spezifizierte Premiumöl. Duft war in Larsa kein reines Privileg von Tempel und Palast; er existierte in Preisstufen, die verschiedenen Einkommensgruppen offenstanden, und seit der Regierungszeit König Sîn-iqīšams wurde mit parfümierten Ölen sogar unabhängig von Tempel- und Palastverwaltung gehandelt — also auf einem freien Markt.

Was bis zur Zeit Tappūtīs übrig blieb

Als Tappūtī drei Jahrhunderte später in Assur ihre Rezeptur niederschrieb, war sie keine Pionierin des Fachs — sie war die Erbin einer bereits ausgereiften Tradition, die auf Handelsnetzen von Dilmun bis Anatolien beruhte und auf einer Verwaltung, die genau Buch darüber führte, wie viele Minen Myrrhe wohin gingen. Der Unterschied zwischen Larsa und Assur liegt nicht darin, dass der Duft neu erfunden worden wäre — er liegt darin, wer namentlich als Urheber eines Verfahrens in die Aufzeichnung einging und wer nur eine Zeile in einer Bestandsliste blieb. Larsa hat die Namen von Händlern und Beamten. Der Name einer bestimmten Parfümeurin hinter einer bestimmten Rezeptur wartet in den mesopotamischen Archiven noch dreihundert Jahre.

Reihe zur antiken Parfümerie: Teil 0 — Tappūtī, die erste belegte Parfümeurin · Teil 2 — Ägypten: Kyphi und die Expedition nach Punt · Teil 3 — Griechenland: Delos und Theophrast


Weiterführende Lektüre: Die Wirtschaftsdaten zu Larsa sowie die Übersetzungen der zitierten Tafeln stammen aus Robert Middeke-Conlin, „The Scents of Larsa", Cuneiform Digital Library Journal 2014:1 (frei zugänglich auf cdli.earth) — derzeit die umfassendste Rekonstruktion der dortigen Parfümindustrie, gestützt auf Dutzende Wirtschaftstafeln aus der Yale Babylonian Collection, der Yale Oriental Series und dem Louvre. Die Chronologie der Herrschaft Abī-sarēs folgt der gängigen mittleren Chronologie der mesopotamischen Geschichte. Die Angabe zum Fehlen von Edelmetallvorkommen im südlichen Mesopotamien und zum Silberimport aus Anatolien folgt einer Übersichtsstudie zum relativen Wert von Gold und Silber in der Antike, Cambridge Archaeological Journal. Der Wechselkurs von Silber zu Gerste folgt den Gesetzen von Eschnunna (um 1800 v. Chr.), einem der ältesten erhaltenen mesopotamischen Rechtskodizes.

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